Mein erster Dreh für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk - vor langer, langer Zeit...

Mitarbeiterin / Mitarbeiter

ARD-Anstalten, Privat-Rundfunk und TV-Produktionen

Damals, ein kühler, grauer Tag, Technik gepackt, bereit zum „Abflug“. Die Redakteurin stieg ins Auto ein. Sie informierte uns auf der Fahrt zum Drehort darüber, dass die Post hier immer zu spät käme, es vielerlei Beschwerden gäbe und wir dazu eine Umfrage auf der Straße machen würden. Am Drehort mitten in der Stadt angekommen, fanden wir auch sofort die erste bereitwillige Person.

Die Redakteurin erklärte dem Mann, dass es sehr viele Beschwerden darüber gebe, dass die Post immer wieder zu spät oder gar nicht ankäme. Wie er das sehen würde, fragte sie. Er hatte mit der Post gute Erfahrungen gemacht und konnte dem nicht zustimmen. Eine weitere Befragte sagte uns, dass sie sowieso immer erst am Abend nach Hause käme und es ihr egal sei, ob die Post um sieben, zehn oder 16 Uhr im Briefkasten landet. Auch ein Dritter konnte nicht bestätigen, dass die Post so unglaublich unzuverlässig sei. Die Redak­teurin wurde zunehmend nervöser. Sie meinte, dass der „Aufmacher“ heute eben sei, dass die Post sehr unzuverlässig ist. Und wir müssten unbedingt noch Leute finden, die dies bestätigen. Längere Zeit liefen wir dort umher... Dann, endlich! Sie hatte jemanden ge­funden, der sich ausließ über die Post. Er hätte extrem schlechte Erfahrungen gemacht! Sie fand noch einen zweiten unzufriedenen Mann. Und einen dritten. Nun konnte der Beitrag fertig gestellt werden. Aufgabe erledigt. Nächstes Thema!

In der Corona-Zeit hat sich in vielen, um nicht zu sagen allen Bereichen gezeigt, dass es unglaubliche Schieflagen und Missstände in unserer Gesellschaft und ihrer Struktur gibt, auf vielerlei Ebenen. Corona hat diese ungeschminkt nach vorn gebracht. Sichtbar für jedermann. Für den einen mehr, den anderen weniger. „Was mich betrifft, trifft mich.“

Auch in der Medien­landschaft kommen solche Missstände mehr und mehr zum Vorschein. Für die, die innerhalb dieser Strukturen ihre Arbeit verrichten, sind sie schon länger sicht- und spürbar. Die in vielen Statements auf dieser Seite beschriebenen Eindrücke sind nicht erst seit Corona ein Problem, wie ich finde. Sie haben sich allerdings seit Corona extrem verschärft.

Eine verantwortungsvolle Rückbesinnung ist dringend nötig!

Die Medien, um es mal allgemein zu formulieren, haben einen rechtlich hinterlegten Auftrag. Eine Art Kritik- und Kontroll­funktion über die drei anderen Gewalten in unserer Gewaltenteilung. Es ist ihre Pflicht und ihre Aufgabe, stetig nach der Wahrheit zu suchen und Informationen in Form von Nachrichten an den Bürger zu vermitteln, damit dieser sich seine eigene Meinung bilden kann (Medienstaatsvertrag, § 6 Art. 1, zur Sorg­falts­pflicht).

Lasst uns bitte zu dieser Aufgabe und der damit einhergehenden Verantwortung zurück­kehren, so wie es sich gehört für authentische, gut ausgebildete Journalisten, deren grundlegende Aufgabe es ist zu hinterfragen.

Die Presse- und Informationsfreiheit ist geregelt im Artikel 5 des Grundgesetzes. Ein wertvolles Gut! Dort wird die Herstellung und Verbreitung der Medien vor staatlichen Eingriffen geschützt. Hier heißt es unter anderem: „Eine Zensur findet nicht statt.“ Da fällt mir leider nur ein: Papier ist geduldig.

Normalerweise nehmen die Medien sich die Freiheit, über Ungereimtheiten allumfassend zu berichten. Redaktionen sollten den Journalisten die notwendige Zeit zur Recherche geben. Und sie haben am Ende eigentlich auch keine Angst, mit den Ergebnissen an die Öffentlichkeit zu gehen. Letzteres ist zweifelsohne eine unabdingbare Begleiterscheinung einer funktionierenden Demokratie. Der Medien­staats­vertrag, ehemals Rundfunk­staats­vertrag, hat ganz klar definierte Ziele und Aufgaben formuliert. Das sind keine Em­pfeh­lungen, sondern vertragliche Vereinbarungen, die es zu erfüllen gilt!

In der Corona-Bericht­erstattung finden zum Beispiel Kollateral­schäden wenig Beachtung. Es sollte in einem gesunden gesellschaftspolitischen Umgang jedoch ganz dringend so etwas wie Verhältnis­mäßigkeit stets diskutiert und abgewogen werden. Vor allem dann, wenn dauerhaft (!) so allumfassend in die Grund­rechte aller Menschen eingegriffen wird. Dabei sollte man nicht „nur“ den Zahlen aus den Krankenhaus- und Intensiv­stationen Beachtung schenken, sondern unbedingt auch den Kollateral­schäden in der gesamten Gesellschaft, inklusive Insolvenzen und zerstörten Existenzen. Bis hin zur irreparablen Traumatisierung von Kindern und Jugendlichen, bei denen es medial zu oft nur darum geht, ob sie in die Schule oder Kita dürfen oder nicht - und wie oft sie getestet werden sollen. Kinder und Jugendliche haben weitaus mehr als „nur die Schule“ im Kopf, im Herzen, im Geist. Es sind heranwachsende junge Menschen, die massiv in ihrer persön­lichen Entwicklung gebremst, fehlgeleitet und teils sogar gebrochen werden. Die Zahlen der Suizide haben auch unter jungen Menschen zugenommen, so wie auch gesamt­gesell­schaftlich. Kürzlich thematisiert im Spiegel unter der Überschrift „So geht es uns“. Dies alles findet meiner Meinung nach zu wenig Beachtung in der öffentlich-­rechtlichen Be­richt­er­stattung. Manchmal spricht man von unterlassener Hilfe­leistung, an dieser Stelle könnte man auch sagen: unterlassene Bericht­erstattung.

„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Wer mal einen älteren Menschen in der Ver­gangen­heit und vor Corona in einem Pflege­heim besucht hat, musste sich un­weigerlich die Frage stellen, ob die Würde des Menschen wirklich unantastbar ist. Auch die Menschen, die dort arbeiten, unterliegen einem un­mensch­lichen Korsett (Beispiel Pflegezeit­be­messung), in dem sie sich bewegen dürfen, müssen, sollen. Gedrängt von Zeitdruck und Personal­mangel versuchen diese Menschen verzweifelt und ungehört seit Jahren (!), den älteren Bewohnern noch ein Fünkchen Mensch­lichkeit zu erhalten. Meinen größten Respekt dafür! Wer sich mal damit beschäftigt, welche Zeiten für die Pflege eines älteren Menschen angesetzt werden, wird mit Erstaunen feststellen, dass dies weder etwas mit der Realität zu tun hat noch mit einem würdigen Umgang mit Menschen, die immerhin schlappe 3000 bis 4000 Euro monatlich für einen Platz im Pflege­heim hinlegen müssen. Der Umgang mit den Älteren und An­gehörigen in der Corona-Zeit ist in meinen Augen un­menschlich. Um sich ein Bild zu machen, wie wichtig ältere Menschen in unserem gesellschaftlichen System sind, hier abzulesen die Pflege­zeit­be­messung:                          pflege-durch-angehoerige.de

Beim Fernsehen haben wir auch nie Zeit. Riesen-Thema: die vorgeschriebene Beitrags­länge von zweieinhalb Minuten. Wenn überhaupt! Hmmm, was soll dabei raus kommen? Da ist es schon sehr bemerkenswert, wenn Bill Gates in den ‚ARD-Tagesthemen‘ am 12.04.2020 mehr als neun Minuten Zeit bekommt, um uns als Privat­mensch (?), Investor (?), Berater (?) oder Unternehmer (?) seine Ansicht, Meinung, Einstellung, Werbe­ansprache inklusive Investitions-Hinweisen und Voraus­sagungen zu schildern. Eine dieser Voraus­sagungen war in diesem Gespräch, dass es in Ländern wie Afrika eine höhere Sterberate geben wird. Es heißt ebenso, dass aller Wahr­scheinlichkeit nach in den Ent­wicklungs­ländern wie Afrika die „Epizentren der Epedemie“ liegen werden. Hat sich das zwischen­zeitlich bestätigt? Zudem wurde in dem Gespräch ein Narrativ gesetzt: „Zu der Normalität vor Corona werden wir erst dann wieder zurück­kehren können, wenn wir entweder ein Wunder­mittel gefunden haben, dass in 95 % der Fälle hilft oder wenn wir einen Impfstoff ent­wickelt haben.“ In der Mitte des Gesprächs heißt es, es sei das Wichtigste ältere Menschen immun zu machen. An anderer Stelle wird dann aber klar, dass alle Menschen gemeint sind und nicht „nur“ die Älteren. „Wir werden den zu ent­wickelnden Impfstoff letztendlich 7 Milliarden Menschen verabreichen, da können wir uns keine Probleme mit be­drohlichen Neben­wirkungen leisten.“ Das Bill Gates scheinbar schon Mitte April 2020 wußte (etwa vier Wochen nach den ersten Corona-Fällen in Deutschland), dass es einige Trauma­tisierungen geben wird, ergibt sich aus seinem Satz gegen Ende des Gesprächs: „Wir werden das Wirtschafts­leben gründlich aufräumen müssen nach der Krise, nach all den Traumata, die die Menschen haben durch­machen müssen.“ Es ist wirklich empfehlenswert sich das Gespräch aus heutiger Sicht, 2 Jahre später, noch einmal genau anzuhören.

Ich las letzten Sommer mal wieder das Buch „Die Farm der Tiere“ von George Orwell. Es hat mich zutiefst erschreckt, wie sich unsere „aktuelle“ Lage darin wiederspiegelt. Lesenswert, wer es noch nicht kennt!

Würde man die aktuelle Lage in der Gesellschaft gesundheitlich betrachten, wäre das Virus die Intoleranz. Die Symptome wären Angst, Spaltung, Diffamierung und das einseitige Narrativ, gebets­mühlenartig runtergepredigt. Und die daraus resultierenden Krankheiten wären der Demokratieverlust, das Ende der Meinungs- und Pressefreiheit, der Verlust von wichtigen Werten, die eine Gesellschaft zusammen halten und ausmachen. Das würde ich als sehr schweren Krankheits­verlauf bezeichnen, in dieser Analogie. Die Behandlungs­methoden wären Offenheit, Toleranz, Neugier, Wahrheitssuche, offener Diskurs, gesunde Streitkultur, Rückbesinnung auf die Verantwortung und den Auftrag!

Wenn man sich den medialen Umgang mit Joshua Kimmich ansieht oder mit den Machern und Be­teiligten von „#allesaufdentisch“, um nur zwei Bespiele zu nennen, dann fragt man sich beschämt, ob dieser Umgang noch vereinbar ist mit den Grund­sätzen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Der Kommentar der Radio- und Fernseh­moderatorin Sarah Frühauf des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) vom 19.11.2021 ging viral und wurde sogar zur Anzeige gebracht. Liest man im Medien­staats­vertrag unter § 3, Allgemeine Grund­sätze nach, so muss man fest­stellen, dass der mediale Umgang in den genannten Bei­spielen nicht nur be­denklich und unhaltbar ist, sondern auch unzulässig.

Medienstaatsvertrag: § 3 Allgemeine Grundsätze:
„Die in der ARD zusammen­geschlossenen Landesrundfunk­anstalten, das ZDF, das Deutschland­radio und alle Veranstalter bundesweit ausgerichteter privater Rundfunk­programme haben in ihren Angeboten die Würde des Menschen zu achten und zu schützen; die sittlichen und religiösen Überzeugungen der Bevölkerung sind zu achten. Die Angebote sollen dazu beitragen, die Achtung vor Leben, Freiheit und körperlicher Unversehrtheit, vor Glauben und Meinungen anderer zu stärken. Weitergehende landesrechtliche Anforderungen an die Gestaltung der An­gebote sowie § 51 bleiben unberührt.“

Als meinen letzten Punkt möchte ich an dieser Stelle noch die teils recht fragwürdigen Beschäftigungs­verhältnisse der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im öffentlich-recht­lichen Rundfunk nicht unerwähnt lassen. „Fest“, „frei“, „fest-frei“ - das alles sind Be­griff­lichkeiten und Arbeits­verhältnisse, die man so in anderen Branchen kaum kennt. In manchen ARD-Anstalten wird zusammen mit Verdi seit Jahren für gerechtere Gleich­behandlung von Mitarbeiter­innen und Mitarbeitern gekämpft. Auch hier: Spaltung.

Junge Leute werden als Einzel­kämpfer eingesetzt und stark belastet, was das Arbeits­auf­kommen angeht. Kein Problem mit sogenannter „Smart Production“. Sie haben schlechtere Verträge, wenn sie denn überhaupt welche haben. Und wie sieht das in Corona­zeiten aus, bei den Azubis in den Sendern? Dürfen sie ihre Aus­bildung nicht beenden, wenn sie auf­grund ihrer persön­lichen Entscheidung, sich nicht impfen zu lassen, nicht mehr den Arbeitsplatz betreten dürfen? Ich habe darüber keine Auskunft und leider keinen Kontakt zu diesen jungen Leuten. Zumal es inzwischen bei der ARD einige Anstalten gibt, die die „2G“-Regel am Arbeitsplatz ein­geführt haben. Allein dazu könnte man hier weitere drei Seiten schreiben, aber ich belasse es nun mal hierbei.

Wir werden als „kritische Infrastruktur“ bezeichnet, dann sollten wir auch wieder mehr kritisch sein!

Es ist selten geworden, dass man mit so vielen Kommentaren so sehr übereinstimmt! Ich bin sehr froh darüber, dass es beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk noch Menschen gibt, die den Idealismus und den hohen Anspruch nicht an den Nagel gehängt haben.

Corona hat uns gezeigt, wo die Probleme in unserer Gesellschaft liegen. Es hat den Vor­hang gelüftet, auch vor dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk, vor seinen Strukturen und seiner Art der Berichterstattung.

Ich wünsche mir von Herzen, dass wir wieder Idealismus an den Tag legen, Neugier und Forscherdrang entwickeln, Toleranz und Offenheit - unabhängig von der Höhe der erworbenen Tagespauschale oder Betriebsrente.

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